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KunstTank Galerie 1.7 Simplon

Was macht ein Dorf aus? Diese scheinbar einfache Frage wird zur künstlerischen Leitlinie in der neuen Ausstellung „Hallo & Buongiorno“ von Manuela Brügger im KunstTank von Simplon Dorf.
Mit feinem Gespür für Details, Menschen und Geschichte begibt sich Brügger auf eine Spurensuche durch denAlltag und das kollektive Gedächtnis eines kleinen Dorfs. Ihre Werke verweben persönliche Erlebnisse mit lokalen Bezügen – aus Gesprächen, Beobachtungen und Begegnungen ist eine Ausstellung entstanden, die das Leben in Simplon Dorf einfängt.
Im Mittelpunkt steht eine Skulptur: ein aufgetürmter Kissenturm, der trotz seiner Massivität fragil wirkt. Eine Traktorspur zieht sich quer darüber, als stille Andeutung auf die Vergangenheit der charmanten Tankstelle und die Transformation der Landwirtschaft. Die Kissen stammen aus vier Generationen ihrer Familie – „von meiner Großmutter bis zu meinem Kind“, wie die Künstlerin erklärt. „Ein Kissen ist eigentlich ein Ort der Ruhe, weich und tröstlich – doch wenn der Schlaf schwer wird, verlieren selbst Kissen ihre Sanftheit. Mit Epoxidharz habe ich sie gehärtet, um zu zeigen: Auch das Weiche trägt Spannungen in sich.“
Diese Ambivalenz zieht sich durch Brüggers gesamtes Schaffen: scheinbar Bekanntes wird verfremdet, Persönliches wird kollektiv lesbar. Ihre künstlerische Sprache ist vieldeutig, aber nie beliebig – vielmehr lädt sie die Betrachter*innen dazu ein, eigene Gedanken und Erinnerungen einzubringen.
„Ich liebe es, ortsspezifisch zu arbeiten“, sagt die Künstlerin. „Wenn ich an einen neuen Ort komme, beobachte ich genau: die Menschen, die kleinsten architektonischen Details, die Stimmung, die Natur.“ Diese Offenheit ist spürbar – in der Ausstellung, in den Gesprächen mit ihr und in ihrer Herangehensweise. Brügger begegnet den Menschen ohne Berührungsängste, offen und herzlich. Und Simplon Dorf hat ebenso offen reagiert: „Die Leute haben mir ihre Türen geöffnet – dadurch sind all die kleinen Bildszenen entstanden.“
Zehn solcher Momentaufnahmen hängen im Speiserestaurant direkt neben dem KunstTank. Sie zeigen Szenen vom Polentafest, Portraits vom Bäcker, dem Metzger, der Weberin – gelebte Kultur im Kleinformat, gestaltet mit Schrumpffolie. In anderen Bildern erscheinen der Steinadler am Simplonpass oder eine gesellige Runde im Restaurant Fletschhorn. Mal poetisch, mal augenzwinkernd – stets aus einem respektvollen Blick heraus.
Auch der Ort der Ausstellung trägt zur Wirkung bei. Die alte Tankstelle mit dem Slogan „Tanke junge Kunst an alter Zapfsäule“ wird selbst zum Teil der Inszenierung. In ihr schimmern Brüggers Kissen-Skulpturen im Sonnenlicht – stumm, aber beredt.
Wer sich auf „Hallo & Buongiorno“ einlässt, begegnet nicht nur Kunst, sondern einem Ort, einer Gemeinschaft und einer Künstlerin, die zuhört, verwandelt und sichtbar macht. Der Dialog ist hier nicht nur Begleiterscheinung, sondern Teil des Werks – ganz im Sinne von Manuela Brügger: „Ich liebe es, den Geschichten der Leute zuzuhören und daraus Kunst zu machen.“
Text: Helga Zumstein